Hallo,
Danke für Eure Antworten!
Ja, ich weiß, dass seine Probleme Ursachen haben. Seine Frühgeburt hat wesentlich dazu beigetragen. Das erste Jahr seines Lebens hat fast jeder, der an sein Bettchen kam, ihm weh getan. Spritzen, Schläuche in Mund und Nase, Sensoren fest ums Beinchen gewickelt, Inhalationsmasken und Physiotherapie, bei der er schreien mußte, damit die Lunge gut belüftet wird. Und auch Zuhause mußten wir das Programm weiter durchziehen. Dass er da menschenscheu wird, liegt ja förmlich auf der Hand. Heute weiß ich, dass es dafür speziell ausgebildete Psychologen gibt. Damals hatte mir das niemand gesagt. Ich hatte mich nur immer gefragt, warum er nicht so ein "Kuschelkind" ist, das sich einfach mal in den Arm nehmen läßt. Das wollte er nur selten mal.
Von der Enttäuschung mit seinem Vater...er ist einfach nur wütend. Ansprechen sollte ich ihn darauf nicht, das vermeide ich tunlichst, weil seine Aggessionen dann zusehends aufsteigen. Erwähnt wird er nur, wenn es sich wirklich nicht vermeiden läßt.
Unser Alltag...ich hatte immer das Gefühl, dass es gut läuft. Sicher habe ich ihn verwöhnt, hätte hier und da mal strenger und dominanter sein sollen. Aber er ist ja mein Einziger...

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Aber auf ihn war immer Verlaß, er ist pünktlich, wenn man einen Zettel schreibt, erledigt er auch seine kleinen Haushaltsaufgaben. Als ich nach einem Unfall schwer krank Zuhause vor mich hinvegetierte, war er der Mann im Haus, erledigte kleine Aufträge, holte Essen und und und. Er ist selbstständig, manchmal bissel langsam und schusselig, aber er kommt klar. Z.B. den innerstädtischen Nahverkehr kennt er perfekt.
Wir haben klare Regeln bei uns. Zu spät kommen gibt es nicht, das gemeinsame Abendessen steht ganz oben und das ist unsere Zeit, in der wir über den Tag reden, rumflachsen. Er ist eigentlich auch recht gesprächig, erzählt von seinen Freunden, seiner "Bekannten"

. Vor wenigen Tagen ist einer seiner ehemaligen Schulkameraden verstorben, auch darüber konnten wir reden. Gerade da dachte ich, dass er sich zurückzieht.
Er hält alle Stücke auf seine Tante, meine Schwester. Wenn er über irgendwas mit mir nicht reden kann oder will, ruft meine Schwester ihn mal an, wenn ich nicht da bin. Das war immer Plan B. Aber beim Thema Schwänzen hat auch sie auf Granit gebissen.
Heute morgen habe ich mit der Psychologin seiner Einrichtung gesprochen. Mein Sohn ist offensichtlich nicht der Einzige, der sich mit dem Eingewöhnen so schwer tut. Die Dame war nicht glücklich, dass der Bildungsträger ein völlig neues Konzept entwickelt hat und nun alle Neuzugänge jede Woche in einem anderen Arbeitsbereich, in immer neu zusammengewürfelten Gruppen irgendwelche Tests machen müssen. Erst nächsten Monat kommen sie dann in ihre eigentliche Konstellation, die dann auch bleibt.
Heute hatte er einen recht erfolgreichen Tag, hat Kekse gebacken und ich merkte ihm seine innere Erleichterung an. Und ein bisschen Stolz, dass er es geschafft hat. Und ich hab ihm gesagt, dass ich stolz darauf bin, dass er heute so stark war.
Nun neige ich ja wieder zu hoffnungslosen Optimismus, dass jetzt alles gut wird.
Aber noch traue ich dem Braten nicht und werde ihn jeden Morgen persönlich in die treuen Hände der Betreuerin übergeben. Er muß mir jetzt erstmal zeigen, dass es keine Eintagsfliege war und sich ein Bisschen von dem Vertrauen, dass der durch seine Lügerei verspielt hat, zurückgewinnen.
Einen schönen Abend und viele Grüße
Jette142