Hauptmanko Alleinerziehend
Den folgenden Zeitungsartikel fand ich sehr bezeichnend und wollte den Euch nicht vorenthalten...
<b>Hauptmanko: Alleinerziehend!</b><p>
Nach langem, vor allem internen Kampf hat die Königsteiner CDU endlich ihre Bürgermeisterkandidatin benannt: Karin Weikamp. Sie kann mit ihrer fachlichen Kompetenz überzeugen und mit ihrem einnehmenden Wesen, ihrer auf die Menschen zugehenden sympathischen Art. Okay, da sind auch Schwachpunkte: Keine kommunalpolitische Erfahrung, nur sehr wenig Ahnung von verwaltungstechnischen Aufgaben. Aber das ist nicht ihr Hauptmanko, wenn es nach der Meinung einiger CDU-Mitglieder geht. Die sehen nämlich ihr größtes Problem hinsichtlich des Bürgermeisteramtes, dass Weikamp allein erziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter ist.
In der Mitgliederversammlung wurde beispielsweise gefragt, ob es auch einen Ehemann, also einen Vater zu dem Kind gibt, was allein schon eine absolute Frechheit ist. Ein anderes Mitglied wollte fürsorglich tun und fragte (sinngemäß), ob denn bei den vielen Terminen eines Bürgermeisters, auch abends, die Betreuung der Kleinen gewährleistet sei beziehungsweise, ob Weikamp dieser Job denn überhaupt zumutbar sei. Dieser Mann sagte wörtlich: „Also, ich hätte das meiner Frau nicht zumuten wollen.“
Oh, Männer – wacht auf! Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert! Das ist natürlich sehr verallgemeinernd und es muss erwähnt werden, dass eine ältere Dame (Hubertine Fischer) sich sofort gemeldet hat und vehemente Gegenrede gehalten hat, die dafür von fast allen (auch von den meisten anwesenden Männern) beklatscht wurde, also Zustimmung erhielt.
Weikamp führt seit einigen Jahren bereits als Gesellschafterin ihr eigenes Unternehmen, musste also längst Lösungen in Bezug auf Kinderbetreuung gefunden haben.
Man kann politisch gesehen zu ihr stehen, wie man will. Aber die Frage der Kinderbetreuung ist ihr rein privates Ding. Wenn sie sich für das Amt der Bürgermeisterin bewirbt, ist selbstverständlich davon auszugehen, dass sie sich über den diesbezüglichen Zeitaufwand im Klaren ist und wie sie ihn hinsichtlich ihres Kindes managt. Aufgrund dieser so indiskreten wie überflüssigen Fragen, sah sie sich in die Lage versetzt, sehr private Auskünfte geben zu müssen, die über die reguläre Vorstellung einer Kandidatin weit hinausgingen. Einem Mann wären solche teilweise unverschämten Fragen nie gestellt worden. Weikamp hat sie alle locker und mit gleich bleibender Höflichkeit beantwortet.
Der ebenfalls anwesende Landrat Jürgen Banzer versucht schon seit einiger Zeit, die CDU-Verbände sukzessive „umzuerziehen“. Denn das alte Rollenbild ist schon lange passé. Nur viele seiner „Schäfchen“ haben das immer noch nicht begriffen. Und man muss davon ausgehen (wie gerade wieder erlebt), dass es manche in ihrer Lebenszeit nie begreifen werden. Banzer hat das – durchaus auch aus ganz pragmatischen Gründen – verstanden, ist aber letztlich gegen verbohrte Holzköpfe auch machtlos.
Immerhin haben Fraktion und Vorstand der Königsteiner CDU diese Bedenken nicht gehabt, wenn sich hier natürlich auch die Frage stellen muss, ob diese „Toleranz“ nicht auch etwas aus der Not geboren war. Sicherlich wäre ihnen ein/e Kandidat/in, bei der "alles in Ordnung" ist (Vater-Mutter-Kind, verheiratet, katholisch) lieber gewesen. Denn auch diese Gremien gelten nicht gerade als innovativ. Es gab aber keine anderen qualifizierten Kandidaten mehr. Und schließlich gab auch eine große Mehrheit der Mitglieder Weikamp ihr Votum.
Letztlich spiegelt Weikamp mit ihrem Lebensmodell einen großen Teil der Bevölkerung wider, der auch bei der Königsteiner CDU (und dort hauptsächlich bei den Männern) mal als Realität ankommen muss: Die jüngere Generation (ja, auch Frauen!) ist heute gut ausgebildet. Diese Frauen schaffen es nicht nur, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, sie können dabei sogar Karriere machen, wenn man sie lässt. Sie organisieren ihr Leben. Und das gut. Und mit viel Aufwand. Vielleicht darf an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass die Kinder dieser (berufstätigen) Frauen zu durchaus glücklichen, selbstständigen und lebenstüchtigen Menschen heranreifen, denen es weder an Liebe noch an Zuwendung mangelt.
Die Mitglieder der Königsteiner CDU (hier vor allem der männliche Teil) sollte endlich im 21. Jahrhundert ankommen. Es wird Zeit!
Martina Tonsen
(Erschienen in der Königssteiner Woche am 2. November 2005)
Frank[addsig]