RE: Keine Perspektive für Hartz IV-Empfänger?
Hallo Aninjha,
glaub mir, ich würde gerne arbeiten in einem festen Arbeitsverhältnis. Mir ist nicht ganz klar, was Du darunter verstehst, wann eine Entlohnung angemessen ist. Für mich heißt das zumindest, dass ich davon leben kann, ohne weiter Hartz IV zu beziehen. Für eine Dreiviertel- oder Ganztagsstelle halte ich 800 bis 900 Euro netto als Minimum für angemessen. Ich leiste ordentliche Arbeit, und zwar, um mein Leben zu finanzieren, ich denke, dann kann ich auch erwarten, dass mein Arbeitgeber mich auch entsprechend entlohnt. Stundenlöhne von weniger als 5 Euro halte ich für Ausbeutung. Ich denke nicht, dass das eine überzogene Vorstellung ist.
Mir ist es auch schon so gegangen wie Ines, dass ich gefragt wurde, warum ich für so wenig Geld arbeiten will, wenn ich mich auf eine schlecht bezahlte Stelle beworben habe, wo ich doch einen erlernten Beruf habe. Ich sagte, es sei mir egal, ob der Stundenlohn 6,- Euro ist, Hauptsache Arbeit. Ich wurde nicht eingestellt: überqualifiziert!
Die zwei Sklaventreiber-Jobs waren Paketfahrer bei Hermes (mit eigenem Auto). 6 Mal die Woche 5 bis 6 Stunden, raus kamen am Monatsende ungefähr 700 Euro incl. Vergütung für den Sprit (monatlich ca. 1000 gefahrene km). Dafür konnte ich mein Auto laufend in die Werkstatt bringen, denn die extremen Kurzstrecken gehen auf die Maschine. Vom Verschleiß der Reifen und Bremsen mal ganz abgesehen. Bei Glatteis bin ich fast in den Graben gerutscht. Niemand hätte mir nur einen Pfennig ersetzt, wenn ich meinen Wagen kaputt gefahren hätte, im Gegenteil, die erwarten, dass man sich einen Mietwagen nimmt (ein Kollege hatte einen Glatteisunfall, dem ging es so). Der zweite Job war bei KIK, 5 Euro Stundenlohn, im Schnitt zwei Stunden tägliche Arbeitszeit, dazu wird erwartet, jeden Tag eine halbe bis dreiviertel Stunde unbezahlte Überstunden zu leisten. Es gibt weder bezahlten Urlaub noch Lohnfortzahlung bei Krankheit. Zudem setzen sie einen ein, wie sie gerade lustig sind, kommst Du mittags um zwei und sollst bis vier bleiben, teilen Sie dir mündlich mit, dass Du heute bis um acht arbeitest. Als ich am freien Tag arbeiten sollte, bat ich darum, nicht kommen zu müssen wegen eines Termines, den ich extra auf den freien Tag gelegt hatte. Ich bekam die zynische Antwort, ob sie noch eine Liste aushängen sollen, wo sich jeder seinen Dienst nach Wunsch eintragen kann! Am Monatsende kamen 350,- Euro raus, abzüglich Fahrtkosten blieben 300,- Euro hängen, dafür musste man aber wirklich ackern und sich immer schön ducken. Es herrschte ein Ton wie auf dem Kasernenhof.
Trotz dessen, dass ich arbeitslos bin, erwarte ich doch, dass zumindest ordentlich mit mir umgegangen wird, ich denke, das ist kein zu hoher Anspruch, das kann man doch mindestens erwarten.
Ich habe mich auch auf alles mögliche beworben, unabhängig davon, was für eine Ausbildung ich habe. Als Pförtnerin, bei Lidl, als Empfangsdame im Fitness-Studio, ich bin wirklich nicht verwöhnt. Aber wie gesagt, ich denke, auch im Niedriglohnsektor kann man vernünftig mit Menschen umgehen, sie nicht behandeln wie Leibeigene.
Derzeit arbeite ich in einem Beruf, in dem ich gar nicht arbeiten dürfte (Gutachten, dass das Arbeitsamt erstellen ließ) wegen gesundheitlicher Einschränkungen. Aber das ist mir egal, ich wollte unbedingt arbeiten.
Ich finde es nicht schön, Leuten zu unterstellen, sie wollten nicht unter ihrer Qualifikation arbeiten, es ist häufig so, dass die Arbeitgeber einfach keine Leute einstellen, die eine Qualifikation haben, wenn die Stelle dies nicht erfordert. Wahrscheinlich haben sie Angst davor, man könnte Ansprüche stellen oder man wäre vielleicht ein unbequemer Mensch, weil man etwas vorweisen kann.
Dazu kommt noch, dass bei uns hier im Saarland sowieso die Bedingungen am Arbeitsmarkt sehr schlecht sind. Die wirtschaftliche Konjunktur hier sorgt ständig für Stellenabbau (im Metallbereich vor allem), es gibt ganz wenige freie Stellen. Die Angebote in der Liste der Arbeitsagentur beziehen sich meist auf Versicherungsmakler, Bedienungen in der Gastronomie und ähnliche Jobs.
Wenn was aus dem kaufmännischen Bereich dabei ist, dann werden oft Kenntnisse erwartet, die ich einfach nicht habe (und deren Erwerb ich auch nicht finanzieren kann), wie Buchhaltung, Personalkostenabrechnungen, Fremdsprachen usw.
Ich werde dann mal wieder um einen Termin bei meinem Arbeitsvermittler nachsuchen, vielleicht fällt ihm ja mal was anderes ein, als mich zu einem Bewerberseminar zu schicken.
Liebe Grüße,
Marion.<br /><br /><!-- editby --><br /><br /><em>editiert von: MarionT., 12.11.2006, 22:02 Uhr</em><!-- end editby --> [addsig]